Nachhaltige Transportsysteme

Nachhaltige Transportsysteme sind klima- und umweltfreundlich und tragen dazu bei, die Lebensqualität und den Gesundheitszustand von Bürgern zu verbessern. In der Praxis wird dies Ziel erreicht, indem das Verkehrsaufkommen gedämpft und umweltfreundlichere Verkehrsmittel gefördert werden.

© F. Reimann, AHK Norwegen

Die norwegische Regierung hat sich zum Ziel gesetzt, Norwegen als Pionier für zukünftige Transportlösungen zu positionieren. Das skandinavische Land ist schon heute weltweit führend in Bereich der Elektromobilität und verfügt über den weltweit größten Anteil an Elektroautos gemessen am Neuwagenverkauf. Norwegen bietet besonders günstige Konditionen für den Kauf von Elektrofahrzeugen, und das bestehende Rahmenwerk wird bis mindestens ins Jahr 2021 fortgeführt. Ab 2025 sollen in Norwegen alle neuen Fahrzeuge emissionsfrei sein. Aber auch in anderen Transportsektoren werden grüne Antriebe gefördert: Norwegen ist führend bei der Entwicklung von elektrischen und umweltfreundlicheren Alternativen in der Schifffahrt. Außerdem sind ungefähr 80 Prozent des Zugtransports (in Zugkilometern) elektrisch angetrieben.

Norwegen ist ein Labor für grüne Lösungen im Transportsektor. Aufgrund seiner herausragenden Stellung gilt das Land als Testmarkt für Transportakteure und Automobilproduzenten. Sowohl Tesla als auch die großen deutschen Automobilkonzerne – BMW, Daimler, Audi, Porsche und Volkswagen – testen in Norwegen neue Ladetechnologien. Aus dem Erfolg von Elektrofahrzeugen gehen immer mehr norwegische Startups und innovative Technologieunternehmen hervor, die Dienstleistungen im Zusammenhang mit der Digitalisierung des (zunehmend elektrischen) Transportsektors anbieten.

Die norwegische Transportindustrie besteht aus mehr als 22.000 Unternehmen und trug im Jahr 2012 mit ungefähr drei Prozent zum BIP bei. Die heutige Nutzung fossiler Brennstoffe im Straßenverkehr entspricht einem Umsatz von jährlich circa 65 Milliarden NOK (6,7 Milliarden Euro). Norwegen ist mit einem geschätzten Marktanteil von knapp drei Prozent ein wichtiger Akteur in der internationalen Schifffahrt. Die Reedereien sind führend in den Segmenten Tank und Massengut sowie im Transport von Chemikalien und Automobilen. Norwegische Reedereien kontrollieren zudem die zweitgrößte Offshore-Flotte der Welt.

Der norwegische Markt für Elektrofahrzeuge

Nach China und den USA ist Norwegen der drittgrößte Markt für Elektrfahrzeuge in der Welt. Wahrscheinlich hat der norwegische Markt einen Vorsprung von etwa fünf bis zehn Jahren; kein anderes Land hat einen vergleichbar hohen Marktanteil für Elektroautos bei Neuwagenverkäufen. Im Jahr 2017 erreichte der Anteil vollelektrischer Autos an den gesamten Neuwagenverkäufen 20,9 Prozent. Wenn man Hybridfahrzeuge einbezieht, beträgt der Anteil am Neuwagenverkauf sogar 52 Prozent. Zum Vergleich: Island liegt bei 8 Prozent, Schweden bei 4 Prozent, China bei 1,6 Prozent, Deutschland bei 1,4 Prozent und die USA bei 1,1 Prozent. Mit einem Fuhrpark von 2,7 Millionen Pkw in Norwegen, entsprechen reine Elektroautos Ende 2017 fünf Prozent bzw. 150.000 Autos.

Der Ausbau von Schnellladestationen und anderen Ladepunkten für Elektroautos ist in Norwegen im Vergleich zu anderen Ländern weit fortgeschritten. In den meisten norwegischen Gemeinden haben elektrische Fahrzeuge mittlerweile Zugang zu Ladestationen. Insgesamt gibt es Ende 2017 mehr als 10.000 Ladepunkte, von denen 9.100 öffentlich sind. Im Durchschnitt teilen sich 13 Elektroautos eine öffentlich zugängliche Ladestation. Im Vergleich dazu hatte Deutschland Ende Juni 2017 ungefähr 11.000 Ladepunkte; neun Elektroautos teilen sich hier einen allgemein verfügbaren Ladepunkt.

In Norwegen gibt es erhebliche Unterschiede in der Anzahl der Elektrowagen pro allgemein verfügbarer Ladestation. Unter den größeren Gemeinden zeichnen sich Sarpsborg, Hamar, Oslo und Sandefjord mit weniger als zehn Elektroautos pro Ladepunkt aus. In Asker und Sandnes, wo die Dichte an Elektrowagen am höchsten ist, müssen sich 38 beziwhungsweise 36 Elektroautos einen Ladepunkt teilen.

Im Jahr 2016 wurde geschätzt, dass der Gesamtumsatz von Elektroautos rund 14 Milliarden NOK (1,4 Milliarden Euro) betrug. Der Jahresumsatz für Service- und Werkstattdienstleistungen wurde auf 250 bis 300 Millionen NOK (25,8 bis 30,9 Millionen Euro) geschätzt. Darüber hinaus hat sich die Anzahl der Unternehmen, die ausschließlich mit Elektromobilität arbeiten, in zehn Jahren mehr als verfünffacht.

Maritimer Sektor

Mehr als 30 Akteure aus allen Bereichen des norwegischen Kurzstreckenseeverkehrs haben sich bei dem von DNV GL geleitetem Projekt Grønt Kystfartprogramm (dt.: Grünes Küstenprogramm) zusammengeschlossen. Das Programm soll ein wirksames Instrument zur Umsetzung der Strategie für Maritimes und Häfen der Regierung sein. Norwegen will die weltweit effizienteste und umweltfreundlichste Küstenfahrt etablieren, die vollständig oder teilweise mit Batterien, LNG oder anderen umweltfreundlichen Kraftstoffen betrieben wird.

Norwegen nahm die weltweit erste LNG-betriebene Fähre im Jahr 2000 und die weltweit erste batteriebetriebene Autofähre im Jahr 2015 in Betrieb. Im nächsten Schritt ist eine mit Wasserstoff betriebene Fähre im Jahr 2021 geplant. Etwa die Hälfte der ungefähr 100 Schiffe, die weltweit mit LNG als Haupttreibstoff segeln, kommen aus Norwegen, und die entsprechende Technologie in diesem Bereich wird größtenteils in Norwegen entwickelt. Siemens hat kürzlich beschlossen, eine Batteriefabrik in der Nähe von Trondheim zu errichten. Wenn die neue Fabrik fertiggestellt ist, werden vier von fünf große Hersteller von maritimen Batterien in Norwegen tätig sein.

Luftverkehr

Die Regierung möchte die Einführung von Elektroflugzeugen für den kommerziellen Luftverkehr erleichtern. Im Sommer 2018 erhält das staatliche Unternehmen Avinor, welches die 45 norwegischen Flughäfen betreibt, Norwegens erstes Elektroflugzeug. Das Flugzeug wird entweder am Flughafen in Stavanger oder Oslo Gardermoen stationiert sein. Ziel ist es, die ersten elektrischen Flugzeuge bis zum Jahr 2025 mit bis zu 19 Sitzplätzen in Betrieb zu nehmen.

Autonome Fahrzeuge

Norwegen testet frühzeitig autonome Fahrzeuge im Verkehr und hat ein neues Gesetz zur Prüfung von selbstfahrenden Autos ausgearbeitet. In der Praxis erlaubt das Gesetz vollständig fahrerlose Fahrzeuge auf norwegischen Straßen, solange der Antragsteller den Behörden nachweisen kann, dass das Auto selbst fahren kann. Dieses Gesetz geht über die deutschen Vorschriften hinaus, die die Anwesenheit eines Fahrers erfordern. Mehrere der größten norwegischen Städte werden in den Jahren 2018 und 2019 Pilotprojekte mit selbstfahrenden Bussen starten. In Oslo kann man ab März 2018 einen selbstfahrenden Elektrobus über eine Mobil-App bestellen. Die Flotte wird aus zehn bis 20 Bussen bestehen. In Kongsberg findet in Regie der Kongsberg Kommune ein neunmonatiges, mit EU-Mitteln finanziertes Pilotprojekt statt, bei dem fahrerlose Busse auf einer zwei Kilometer langen Strecke eingesetzt werden.

Intelligente Transportsysteme (ITS)

ITS ist ein Sammelbegriff für Instrumente im Transportsektor, die auf dem operativen Einsatz von Technologie, vor allem von Informations- und Kommunikationstechnologie, basieren. Norwegen möchte beim effizienten Datenaustausch zwischen Fahrzeugen, Straßen und selbstfahrenden Fahrzeugen ein Vorreiter sein und dabei Datenschutz und Informationssicherheit gewährleisten. Dazu wurde ein eigenes ITS-Gesetz gemäß der ITS-Richtlinie der EU ausgearbeitet.

2017 hat die norwegische Regierung die Fördermaßnahme Pilot-T eingeführt, die zu einer Umstellung der Transportindustrie beitragen soll. Das Programm in Höhe von 820 Millionen NOK (84,6 Millionen Euro) soll es ermöglichen, neue Technologien im Transportsektor schneller zu nutzen – indem neue Lösungen entwickelt und bestehende Lösungen besser an die norwegischen Verhältnisse angepasst werden. Ein Großteil der Fördermittel fließt in norwegische Pilotprojekte, die Lösungen für den emissionsfreien Landverkehr und zukünftige digitalisierte Transportsysteme entwickeln.