Industrie

Rohstoffbasierte Industrien wie die Öl- und Gasindustrie, die Prozessindustrie und der Bergbau haben in Norwegen eine lange Tradition. Darüber hinaus ist der maritime Sektor mit Werften, Schifffahrt, Fischerei und Fischzucht wichtig.

© pxhere.com

Der Industrie- und Bergbausektor hatte im Jahr 2016 einen Anteil von 8,1 Prozent am BIP; dies entspricht 2 759 Milliarden NOK. Allein der Öl- und Gasektor (einschließlich Dienstleistungen) machte 14,4 Prozent der gesamten Wertschöpfung des Landes aus. Weiterhin ist die norwegische Industrie vom maritimen Sektor sowie von der Gewinnung und Verarbeitung von Mineralien und Metallen stark abhängig.

2016 lag der Umsatz von Industrie und Bergbau bei 757 Milliarden NOK; dies war ein Rückgang von 9,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Grund dafür ist der Preisverfall für Rohöl, der zu einer geringeren Nachfrage für Schiffsausrüstung und Bohrgeräte beigetragen hat. Im Jahr 2016 blieb das Investitionsniveau dennoch auf dem höchsten Stand seit der Finanzkrise und belief sich auf circa 34 Milliarden NOK. Obwohl die Investitionen im Jahr 2017 vorerst um etwa acht Prozent sanken, wird für das Jahr 2018 ein Investitionswachstum von fast zehn Prozent erwartet – dieser Trend soll sich auch im Jahr 2019 fortsetzen.

Die norwegische Industrie zeichnet sich durch den kompetenzen Einsatz neuer TechnoIogien aus. Die überwiegende Mehrheit der Branche bilden kleine und mittelständige Unternehmen, die zunehmend Spitzentechnologien in Betrieb nehmen, um bei der Produktion konkurrenzfähig zu bleiben.

Die norwegische Regierung misst der Festland-Industrie für die Entwicklung der Wertschöpfung bis 2050 eine entscheidende Rolle bei. Wenn die Öl- und Gasproduktion bis 2050 reduziert werden soll, wird es unmöglich sein, das aktuelle Wohlstandsniveau im Land beizubehalten, sofern die Festland-Industrie ihre Produktivität nicht deutlich steigert.

Infolge der norwegischen Regierung besteht die Herausforderung darin, Produktivitätswachstum und Wertschöpfung mit der Einsparung von Treibhausgasemissionen zu kombinieren. Die norwegische Prozessindustrie ist in den letzten 25 Jahren bei steigender Wertschöpfung zunehmend klima- und umweltfreundlicher geworden. Die Handlungsmöglichkeiten für die Zukunft sind jedoch begrenzt, weil die einfachsten Maßnahmen bereits umgesetzt sind und die Branche somit auf einen bedeutenden Technologiewandel angewiesen ist, um weitere Schritte in Richtung Klimaneutralität einzuleiten. Aus diesem Grund hat die norwegische Regierung im Jahr 2017 das Strategieforum Prosess21 ins Leben gerufen, das den Übergang zur Klimaneutralität in der Industrie beschleunigen soll.

Ungeachtet der klimatischen und umweltbedingten Herausforderungen ist die norwegische Industrie mit einem hohen Kostenniveau und Exportanteil stark dem internationalen Geschäft ausgesetzt. Um auch weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben, setzt sie auf permanente Innovation und Technologieentwicklung. In 2017 wurden aufgrund des hohen Kostenniveaus zahlreiche Industriestandorte in Niedriglohnländer verlagert. Die schnelle und disruptive Technologieentwicklung in der Automatisierung und Digitalisierung führt jedoch dazu, dass die zuvor umgezogene Industrie wieder in Norwegen etabliert werden kann. Industrie 4.0 wird daher in Norwegen als sehr gute Chance gesehen, die Produktionskapazität, Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit der Industrie zu erhöhen.

Inspiriert von der deutschen Plattform Industrie 4.0 hat die norwegische Regierung im Jahr 2017 ein Forum für Spitzenmanager für die Digitalisierung der Industrie eingerichtet. Im Rahmen dieser Plattform soll diskutiert werden, wie die norwegische Industrie die Chancen und Herausforderungen im Zuge der Digitalisering und dem Bedarf an neuen Technologien bestmöglich nutzen kann. Zudem sollen aktuelle Ideen zur Entwicklung der zukünftigen Industriepolitik an die Regierung herangetragen werden. Das Forum wird ein besonderes Augenmerk auf die Notwendigkeit der Kompetenzentwicklung für Mitarbeiter und Führungskräfte sowie den Kompetenztransfer zwischen großen Unternehmen und kleinen sowie mittelständigen Akteuren richten.

Für norwegische Industrieunternehmen und Wissenscluster sind die Umstellung und der branchenübergreifende Technologietransfer seit dem Rückgang des Ölpreises im Jahr 2015 wichtige Schlüsselwörter. In diesem Umstellungsprozess hat Industrie 4.0 eine Hauptpriorität erhalten und wird auch in Zukunft eine Priorität bleiben. Mit einer eigenen Industrie 4.0-Strategie und starken Wissensclustern ist Deutschland ein wichtiger Impulsgeber und gefragter Partner für Norwegen.

Norwegische Festland-Industrie

Die norwegische Festland-Industrie besteht aus circa 20 000 Unternehmen mit insgesamt 230 000 Mitarbeitern. Etwa 30 Prozent des Energieverbrauchs auf dem norwegischen Festland und 22 Prozent der Treibhausgasemissionen stammen aus der Festland-Industrie. Große Teile dieser Industrie sind energieintensiv, insbesondere in Bereichen wie Holzverarbeitung, chemische Rohstoffe, Metallindustrie und Mineralindustrie. Die 100 größten Unternehmen mit einem Verbrauch von mehr als 50 GWh pro Jahr machen fast 90 Prozent des Energieverbrauchs und 90 Prozent der Treibhausgasemissionen der gesamten Industrie auf dem norwegischen Festland aus.

Im Jahr 2016 lag der Gesamtenergieverbrauch in der norwegischen Festland-Industrie bei rund 77 TWh und damit in etwa auf dem Niveau der letzten Jahre. Mit einem Anteil von fast 60 Prozent am Gesamtenergieverbrauch im Jahr 2016 ist Strom der meistgenutzte Energieträger, gefolgt von Gas. Die Metallindustrie und die Ölraffination beziehungsweise chemische Industrie sind die Hauptenergieverbraucher der Festland-Industrie; dabei werden vorwiegend Strom und Gas genutzt. Die Energieintensität auf dem norwegischen Festland ist seit 2000 um fast 20 Prozent zurückgegangen.

Die jährliche Produktion der norwegischen Festland-Industrie ging von 2015 bis 2016 um fünf Prozent zurück. Dies steht im Zusammenhang mit einem geringeren Ölpreis und reduzierten Investitionen auf dem norwegischen Kontinentalschelf. Die Industriesektoren, die eng mit der Öl- und Gasbranche verbunden sind, erleben derzeit schwierigere Zeiten. Aufgrund von Krankheits- und Läuseproblemen in der Fischzucht ist die Produktion von verarbeitetem Fisch in der Lebensmittelindustrie ebenfalls rückläufig.

Norwegische Prozessindustrie

Die Prozessindustrie umfasst Unternehmen aus den Bereichen Aluminium und Eisen, chemische Industrie, Mineralindustrie, Düngemittel, Raffinerie (ölbasierte Produkte) und Holzverarbeitung. Zu den energieintensiven Industrien zählen die Metallindustrie, die chemische Rohstoffindustrie und die holzverarbeitende Industrie. In diesen Sektoren ist der Energieverbrauch besonders hoch. Die meisten produzierenden Unternehmen stellen Halbfabrikate wie Aluminiumbarren, Silizium, Ferrolegierungen, Kunststoffrohstoffe, Karton, Papier und Zement her.

Die Prozessindustrie bildet einen großen Teil der norwegischen Wertschöpfung; 2013 lag diese bei 43 Milliarden NOK. Die Prozessindustrie ist der einzige Industriezweig in Norwegen, dem es gelungen ist, die Treibhausgasemissionen zu senken und gleichzeitig die Produktionsrate zu erhöhen: Seit 1990 wurden die Emissionen um 39 Prozent reduziert, die Produktion stieg um 32 Prozent. Der größte Teil der verarbeitenden Industrie befindet sich an der norwegischen Küste, entlang von Fjorden oder an Bahnstrecken. Entscheidend für den Standort der Industrieunternehmen sind meist Transportbedürfnisse oder der Zugang zu günstiger Energie.

Die Prozessindustrie ist der größte Verbraucher von Wasserenergie mit einem jährlichen Energieverbrauch von 36 TWh im Jahr 2016. Der große Überschuss an billigem erneuerbarem Strom ist einer der Gründe dafür, dass die Prozessindustrie auf den internationalen Märkten wettbewerbsfähig ist. Da die Industrie auf Exporte setzt, unterliegt sich den internationalen wirtschaftlichen Bedingungen. Der globale Wettbewerb und die damit verbundene Notwendigkeit von Innovation und Effizienzsteigerung hat dazu geführt, dass die norwegische Prozessindustrie über einige der modernsten Produktionsanlagen der Welt verfügt.

Lebensmittelindustrie

Die Lebensmittelindustrie ist Norwegens zweitgrößter Industriezweig und bildet einen wichtigen Teil der Lebensmittelwertschöpfungskette. Die Unternehmen Tine, Nortura und Orkla gehören zu den Flaggschiffen in dieser Branche. Anders als die meisten anderen Industriezweige ist die Nahrungsmittelindustrie weniger abhängig von der Konjunkturentwicklung, weil die Nachfrage nach Nahrungsmitteln relativ stabil ist. Importbeschränkungen für ausländische Produkte tragen zur Stabilität der Produktion in der landwirtschaftlichen Nahrungsmittelindustrie bei.

Mit Ausnahme der Fischindustrie verkauft die norwegische Nahrungsmittelindustrie ihre Produkte hauptsächlich auf dem norwegischen Inlandsmarkt, obwohl auch in der landwirtschaftlichen Nahrungsmittelindustrie einige markenbasierte Exporte stattfinden. Die norwegische Lebensmittelindustrie hat gleichzeitig den Wettbewerb auf dem Inlandsmarkt verstärkt. Während der Inlandsmarktanteil der Lebensmittelindustrie im Jahr 2003 bei 88,2 Prozent lag, sind es heute rund 80 Prozent. Deshalb ist auch diese Branche vom Einsatz neuer Technologien und Investitionen in fortschrittlichere Produktionsprozesse abhängig. Die landwirtschaftlichen Industrieunternehmen in Norwegen haben bereits einen langen Weg bei der Automatisierung von Produktionsprozessen zurückgelegt und arbeiten derzeit an der Implementierung neuer digitaler Werkzeuge.

Mineralindustrie

Die Mineralindustrie ist eine typische lokale Industrie mit Unternehmen in allen Regionen des Landes. Vor allem in der Gewinnung von Eisenerz, Titanmineralien und einzelnen Industriemineralien gibt es einige große Unternehmen, die meisten Branchenakteure sind jedoch relativ klein.

Der Umsatz der Mineralindustrie betrug im Jahr 2015 12,5 Milliarden NOK. Im Jahr 2015 belief sich die Produktion von Baumaterialien (Sand, Kies, Gips) auf 5,9 Milliarden NOK, während der Umsatz mit Industriemineralien und Metallerzen bei 2,5 Milliarden NOK beziehungsweise 2,2 Milliarden NOK lag. Naturstein wurde für 1,1 Milliarden NOK gehandelt.

Konsumgüterindustrie

Die Konsumgüterindustrie besteht aus einer Vielzahl von Unternehmen. Die Produktion von Konsumgütern in Norwegen ist im Laufe der Zeit zurückgegangen, weil sie relativ arbeitsintensiv war und damit hohe Kosten verbunden waren. Viele Unternehmen haben sich mittlerweile auf Nischenprodukte und Besonderheiten spezialisiert. Mit der Einführung der Industrie-4.0-Prinzipien könnten Teile der ins Ausland ausgelagerten Konsumgüterunternehmen wieder nach Norwegen zurückkehren.

Die norwegische Möbel- und Einrichtungsbranche hat sich von typischen Handwerksbetrieben zu einer modernen Industrie entwickelt und wird auch als größte Designindustrie Norwegens bezeichnet. Generell arbeiten norwegische Möbel- und Interieurdesigner in relativ kleinen Unternehmen. Der größte Möbelhersteller in den nordischen Ländern, Ekornes, setzt in großen Teilen der Produktion Roboter ein.

Die norwegische Gesundheits- und Pharmaindustrie hat in Skandinavien und Europa nur eine begrenzte Reichweite; dennoch hat de Wertschöpfung im Zeitraum 2004-2014 deutlich zugenommen. Heute gibt es neun Unternehmen, die über eine pharmazeutische Produktion mit Marktzulassung verfügen. Die meisten in Norwegen tätigen Pharmaunternehmen sind ausländische Unternehmen, deren Geschäft sich auf den Vertrieb importierter Arzneimittel konzentriert.

Zuliefererindustrie

Die Zulieferindustrie besteht aus vielen Industriezweigen; erhebliche Lieferungen gehen jedoch an die Erdölindustrie. Neben etablierten Öl- und Gaclustern gehören auch Zulieferer von Aquakulturtechnologie, -ausrüstung und -dienstleistungen zu den innovativsten und technologisch führenden Unternehmen auf ihrem Gebiet. Ein wesentlicher Teil der Zulieferindustrie basiert auf maritimen Aktivitäten entlang der Küste und produziert mechanische Ausrüstung wie Kräne, Seilwinden, Propeller und Motoren, elektronische Ausrüstung und Komponenten, Positionierungssysteme, Rettungsboote, Ketten, Kabel usw.

Die norwegische Verteidigungsindustrie besteht aus wenigen großen und einer kleineren Anzahl von kleiner und mittelständiger Unternehmen, die oft Subunternehmer für Großkonzerne sind. Die wichtigsten Rüstungsindustriemilieus befinden sich an den Standorten Kongsberg und Raufoss.

Um die Wettbewerbsfähigkeit der norwegischen Technologie-, Werkstatt- und Zulieferindustrie zu aufrechtzuerhalten, ist der Umstellungsprozess und die damit einhergehende kontinuierliche Kompetenzsteigerung entscheidend. Die Industrie hat ihren Fokus von der Herstellung standardisierter Produkte hin zur Herstellung von High-Tech-Nischenprodukten verändert. Die Kehrtwende zur Produktion von Hightech-Produkten ist weitgehend das Ergebnis einer erfolgreichen Umstrukturierung. In Kongsberg werden High-Tech-Verteidigungsausrüstung, Flugzeugtriebwerke und Überwachungssysteme hergestellt und in ähnlicher Weise hat sich in Raufoss ein starkes Kompetenzumfeld für Leichtmetalle und die automatisierte Produktion von beispielsweise Autoteilen und Gasflaschen aus Verbundwerkstoffen entwickelt.